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Der Skulpturenweg vom Grauholz bis zum Bundeshaus
1998 wurde zum Jubiläum 200 Jahre Helvetik und 150 Jahre Bundesstaat Geld für verschiedene kulturelle Ereignisse locker gemacht. Eines davon war der Skulpturenweg vom Grauholz.
Im Rahmen der Ausstellung Grauholz wurden Künstler eingeladen, sich Gedanken zu machen über den Weg von der alten Eidgenossenschaft bis hin zum modernen Bundesstaat, unter dem sehr weit gefassten Motto "Frei sein - gleich sein - offen sein". Zu Ende ging die Zeit des alten Bern mit der Niederlage des Anciem Régime gegen die Soldaten von Napoleon, welche die neue Zeit vor 200 Jahren im Grauholz einläuten wollten, 16 Kilometer von Bern entfernt.
Und so führte der Skulpturenweg vom Grauholzdenkmal bis vor das Bundeshaus in Bern. Mit 75 Werken verwandelten die 12 Künstlerinnen und die 64 Künstler diesen Weg in ein Gesamtkunstwerk. Die Hälfte der Künstler stammten aus der Region Bern und dem Mittelland, die andere Hälfte verteilte sich auf die übrigen Regionen der Schweiz und aus den umliegenden Ländern. Jedem Künstler wurde ein Platz zugewiesen. Die letzte Station vor dem Bundeshaus wurde Schang Hutter zugeteilt.
Bern
Da die Stiftung Grauholz den ersten Vorschlag von Schang Hutter nicht genehmigte, schlug er die Skulptur Shoah vor, mit der Bedingung, seine Skulptur in der Mittelachse des Bundeshauses platzieren zu können, also vor dem Haupteingang, da sonst sein Kunstwerk nicht vollendet wäre.
Da das Bundeshaus achsensymmetrisch ist, war für Schang Hutter von Anfang an klar die Skulptur in der Mittelachse zu platzieren. Denn alles was von Bedeutung ist befindet sich bei der Architektur in der Mitte. Zusätzlich waren die Besucher des Bundeshauses gezwungen, die vor dem Hauptportal befindende Skulptur zu umgehen.
Schang Hutter erhielt die Erlaubnis, seine Eisenskulptur auf dem Bundeshausplatz aufzustellen. Aus Sicherheitsgründen bestanden die Hausherren des Bundeshauses jedoch auf einem um drei Meter nach rechts verschobenen Standort.
Begleitet mit einem Journalisten der Sonntagszeitung stellte Hutter am Samstagmorgen, den 28. Februar 1998, die Plastik Shoah an ihren ursprünglichen Platz, drei Meter vom abgemachten Standort entfernt. Voller Überzeugung, mit dem Glauben, dass die Shoah noch am selben Tag abtransportiert würde, staunte Schang Hutter, als er am selben Abend nichts über den Abtransport der Shoah vernahm.
Einen Tag später erteilte Nationalratspräsident Ernst Leuenberger, ein Parteifreund Hutters, der um drei Meter verschobene Eisenskulptur bis Ende Session das Bleiberecht.
Der Ausbruch der Diskussion
Wie erwartet begann die Diskussion. Beeindruckt zeigte sich François Loeb, Berner FDP-Nationalrat, früherer Präsident der parlamentarischen Gruppe Kultur:
"Das Werk erinnert uns an eine der schlimmsten Zeiten in Europa. Als Mahnmal gegen den Holocaust ist es ein zukunftbezogenes Werk, damit solches nicht wieder passiert. Hutters Skulptur soll auch vor andern Parlamenten aufgestellt werden."(2)
Nicht alle waren begeistert. Einige reagierten sogar empört über die Provokation Schang Hutters, sein Shoah eigenmächtig auf die Mittelachse vor dem Haupteingang des Bundes-hauses zu stellen.
Aber wieviel drei Meter in diesem kleinen Land ausmachen, zeigte sich am 4. März 1998. In einer Nacht und Nebel Aktion verlud die Freiheits-Partei das letzte Werk des "Skulpturenweges Grauholz", die Shoah, auf einen Kranwagen und platzierte es nicht auf den ursprünglich bewilligten Standort, sondern leistete gleich ganze Arbeit und stellte die Skulptur beklebt mit einem "Refusée"-Kleber der Freiheits-Partei dem Hersteller vor die Werkstatt. Mit der folgenden Verlautbarung hiess es noch am selben Tag im Kommuniqué:
"Aktuelle Medieninformation der Nationalratsfraktion der Freiheitspartei vom 4.3.1998 Bundeshaus, der Schrott ist weg, FPS-Fraktion sorgt für Sicherheit und Ordnung vor dem Bundeshaus! Der Huttersche Schrottklotz, welcher seit dem 28. Februar rechtswidrig Sicherheit und Gesamtästhetik vor dem Haupteingang des Bundeshauses beeinträchtigte, steht nicht mehr dort. Die Nationalratsfraktion der Freiheitspartei hatte an ihrer gestrigen Sitzung beschlos-sen, das rostige Zweitonnenobjekt dem Hersteller zurück zu schicken. Dieser Entscheid wurde heute Morgen umgesetzt. Von 06.08 bis 06.14 Uhr wurde der Gegenstand auf einen Kranwagen verladen und abtransportiert. Die Aktion erfolgte im Einklang mit dem am 14. Februar verabschiedeten FPS-Konzept "Ruhe, Ordnung, Sicherheit"(3).
Die Parlamentarspräsidenten, Ernst Leuenberger (SP) und Ständerat Ulrich Zimmerli (SVP) verurteilten das Vorgehen in einer gemeinsamen Erklärung. Es komme der Aktion einer Bürgerwehr gleich. Es gehe nicht, auf diese Weise eine Provokation zu beantworten, auch wenn Hutter's Vorgehen selber nicht über alle Zweifel gewesen sei.
Die Stadtratsfraktion der Berner SVP stellte sich gegen ihren Parteikollegen Ulrich Zimmerli und auf die Seite der eigenwilligen Entsorger:"Wir wollen dem Ständeratspräsidenten Ulrich Zimmerli nicht in den Rücken fallen, aber er versteht offensichtlich nicht, dass es sich hier um eine illegale Aktion handelte, und wenn es ein gewöhnlicher Bürger gemacht hätte, wäre es sicher nicht toleriert worden. Der Stadtratsfraktionspräsident der SVP Bern meinte noch: übrigens gebe es in Bern eine Entsorgungsgebühr für rostige Gegenstände."(4)
Anders sieht es der Nationalrat François Loeb: "Wir in der Schweiz haben humanitäre Wurzeln und versuchen damit unseren kleinen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten, und dies (Shoah) war die Erinnerung und hiermit haben sie es weggeräumt. Es zeigt mir, dass sie es gar nicht verstanden haben um was es hier geht. Und als ich das Kommuniqué las: "Und damit ist die Ruhe und Ordnung im Lande wieder hergestellt, erinnerte ich mich an Texte, welche man früher schon gehört hatte mit Ruhe und Ordnung, womit man gegen die Kunst vorging. Es war nicht gut, dass die Shoah dort hingestellt wurde, aber es ging um drei Meter. Ich frage mich, ob hier aus einer Mücke nicht ein Mammut gemacht wird. Aus innenpolitischen Gründen, weil man momentan in den Wahlen am Verlieren ist, und das Gefühl hat mit dieser Aktion zu gewinnen, das macht mich traurig."(5)
Schang Hutter bezeichnete die Handlung der Freiheits-Partei als rassistisch. Die Grünen sprachen von einer primitiven Nacht- und Nebel-Aktion. Auch die SP verurteilte die Aktion der Freiheits-Partei.
Während sich die gesamte Presse über den unverfrorenen Abtransport des Mahnmals Shoah entrüstete, zollte einer der Freiheits-Partei Anerkennung. Chefredaktor Paul Ehinger vom Zofinger Tagblatt lobte höchstpersönlich den Mut der Freiheitlichen, den "rostigen Eisenklotz" des "Sozialisten" Schang Hutter beiseite zu schaffen, den dieser "in massloser Überschätzung seines eigenen Könnens" vor dem Bundeshaus platziert hatte."(6)
Zürich
Während die Freiheitspartei am darauf folgenden späten Donnerstagnachmittag per Fax verlauten liess, dass ihre Aktion "Ästhetik und Ordnung ums Bundeshaus" ein voller Erfolg gewesen sei, wurde die Eisenskulptur um 17.35 Uhr unter grossem Medien- und Publikumsauflauf mitten auf dem Zürcher Paradeplatz, zwischen dem Kiosk und der Tramlinie 11, von einem Lastwagen abgeladen.
Nach Ansicht der Stiftung Grauholz 98 müssten die Präsidenten der eidgenössischen Räte entscheiden, was mit der Shoah-Skulptur nun geschehen solle. Die Hausherren des Bundeshauses boten der Stiftung Grauholz und dem Bildhauer Schang Hutter an, die Plastik Shoah wieder am bewilligten Standort vor dem Parlamentsgebäude zu platzieren, das heisst unmittelbar neben dem Haupteingang, und der besonderen Aufsicht des Sicherheitsorgans des Bundes zu unterstellen. Weil die Plastik nicht auf der Mittelachse unmittelbar vor dem Haupteingang stehen durfte, stieg der Bildhauer auf das Asylangebot aus Zürich ein. Auch das Angebot, die Plastik vor das Gebäude der Nationalbank in Bern zu stellen, lehnte der Künstler ab, weil dort niemand verkehre. Die Absage von Schang Hutter an das Projekt Grauholz 98 nahmen die Präsidenten der beiden Parlamentskammern, sowie die Verantwortlichen für das Projekt Grauholz, mit Bedauern zu Kenntnis.
Im Unterschied zu Bern stand die Shoah in Zürich mit offiziellem Segen. Der Stadtratspräsident Josef Estermann war von einem Bekannten des Künstlers angefragt worden, die Skulptur in Zürich aufzustellen. Der Polizeivorstand Robert Neukomm erteilte kurzfristige die Bewilligung zur Benützung des öffentlichen Raumes. Einverstanden mit dem Standort war auch Thomas Wagner, der für die Traminsel Paradeplatz zuständig war.
Josef Estermann erklärte, der vier Tagen nach den Wahlen schon wieder für Aufsehen sorgte, "Shoah sei zu einem öffentlichen Gegenstand geworden, der diskutiert werden müsse. Nach dem Versuch der Freiheits- Partei, das Mahnmal wieder verschwinden zu lassen, drängte sich der umgekehrte Weg zurück an die Öffentlichkeit geradezu auf. Der Stadtpräsident hoffte, auf eine kritische Diskussion über die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges. Weil dabei die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland im Zentrum stehen, hält er den Paradeplatz, der mit seiner Bankenkonzentration den Geschäftsplatz Schweiz repräsentiert, für den geeigneten Standort. Weil der Platz überdies auch nachts selten menschenleer ist, rechnete Josef Estermann mit einer gewissen öffentlichen Kontrolle, die es der Freiheits-Partei nicht mehr so leicht machte, das Mahnmal wieder zu entfernen. Während drei Monaten soll es dort stehen. Was nachher geschieht, ist offen"(7).
Für den Künstler Schang Hutter war die Shoah im Zürcher Bankviertel am richtigen Ort. "Shoah muss dort stehen, wo die Menschen sind. Ich will mit einer Kunst dorthin, wo etwas passiert. In Zürich ist sie am richtigen Ort. Die Skulptur ist bei denen, die entweder etwas taten oder unterliessen zu jener Zeit, als es für die Juden wichtig war. Hier haben die Bankiers einst entschieden, dass sie Gold kaufen, es waschen und horten. Und hier verlangen die Juden jetzt ihre Vermögen zurück. Hinter jedem Gramm Gold, das damals gehandelt wurde, steckt ein menschliches Schicksal."(8)
Reaktionen in Zürich
In der Nacht auf den Freitag verklebten unbekannte Exponenten der Freiheits-Partei die Skulptur mit Flugblättern. Mit Sprüchen wie "die rötliche Farbe des Metalls symbolisiert sowohl die Farbe des Sozialismus wie auch seiner Opfer" versuchten sie, die Skulptur in ein "Mahnmal gegen den Sozialismus" umzudeuten. Remo Patroni, Kantonalpräsident der Freiheits-Partei Zürich, distanzierte sich von der Aktion. Nicht so Maria Styger, Präsidentin der Freiheits-Partei der Stadt Zürich. Sie heisst die Aktion gut. Allerdings ohne entziffert zu haben, was auf den Flugblättern steht - sie hatte ihre Brille nicht dabei.
Auch die SVP der Stadt Zürich hat das Aufstellen der Skulptur mit Empörung zur Kenntnis genommen. Für die SVP sandte die Stadt Zürich damit wirtschaftsfeindliche Signale aus und provoziert in- und ausländische Investoren.
Mit dieser Internetseite beschuldigte die SVP die Zürcher Stadtregierung des Neopotismus.
Am folgenden Montag legte die Sozialdemokratische Fraktion des Zürcher Kantonsrates im Treppenhaus des Rathauses der Stadt Zürich weisse Nelken für die Skulptur Shoah bereit. Mit dem Vermerk: "Mit dieser Blume können Sie Ihre Betroffenheit und Ihre würdige Anteil-name an dem ausdrücken, was die Skulptur Shoah zu sagen hat. Bitte tragen Sie eine Blume hinüber zum Paradeplatz und legen Sie sie still auf die Skulptur." Die Idee hatte der SP-Kantonsrat Hartmuth Attenhofer: "Wir haben den Menschen im Zürcher Rathaus eine Blume zur Verfügung stellen wollen, damit sie, wenn sie dies möchten, ihren Gefühlen Ausdruck geben können." (10)
Nicht alle zeigen sich über die Idee Hartmuth Attenhofer begeistert. Alfred Heer von der SVP Zürich bezeichnet in einer persönlichen Erklärung, "die SP profiliere sich auf Kosten der Shoah-Opfer. Es wirkt befremdend, wenn die SP den schlimmsten Genozid aller Zeiten für politische Zwecke missbrauche."(11)
Der inzwischen mit unzähligen Blumen bedeckte Eisenwürfel wurde nach fünf Tagen Asyl in Zürich vom israelischen Botschafter Jitzschak Mayer besucht. Er sprach auf dem Paradeplatz einige Worte in die zahlreichen Mikrophone der lokalen Radio- und Fernsehstationen: "Die Skulptur ist mehr als ein Kunststück, sie ist längst zu einem Monument geworden. Ich freue mich, dass die Shoah Platz auf der schönsten Strasse der Welt gefunden hat."(12)
Auch Tierschützer versuchten mit der Shoah auf sich aufmerksam zu machen. So hatte der Tierschützer Erwin Kessler am Mittwochmorgen, den 11.3.98 um 11.35 Uhr auf dem Paradeplatz einen Holzverschlag abgeladen. Auf dem Deckel deponierte er Schlachtabfälle und einen Schweinekopf. Mit der Aufschrift: "Erinnerung an den heutigen Holocaust der Tiere."(13)
Reaktionen aus dem Zürchervolk
Eben so hitzig waren die Meinungen unter den Passanten über die Plastik Shoah. Die Meinungen über das Kunstwerk gingen weit auseinander. Für die einen Passanten war es ein Skandal. So wurde die Skulptur oft als Schrottklotz und rostiger Schrotthaufen bezeichnet. Für die andern war es eine Ehre, das Huttersche Kunstwerk in Zürich zu haben, wenn auch für eine beschränkte Zeit.
Die Diskussion um die Shoah wurde in der Zürcherbevölkerung aufgeheizt, als der Zürcher Stadtpräsident, Josef Estermann am 11.3.98 gegenüber "Radio 24" bekannt gab, er möchte die zuständige Kommission anfragen, ob sie sich für den Kauf der Skulptur Shoah durch die Stadt Zürich entscheiden könne.
Fünf Tage später gab Schang Hutter bekannt, dass er seine Skulptur Shoah vorläufig nicht verkaufe. Er wollte die vielen Menschen nicht beleidigen, die sich mit der inhaltlichen Aussage des Kunstwerkes identifizierten. Sein Wunsch war, die Shoah bleibe der Öffentlichkeit erhalten, in welcher Form wusste er damals aber noch nicht.
Am ersten Mai gab die Stadt Zürich bekannt, dass sie den Kauf der Skulptur ablehne. Die Stadt war der Meinung, die Shoah müsse an möglichst vielen Orten gezeigt werden, sonst nutze sich ihre Wirkung ab.
Zugleich wurde vermeldet, dass die Shoah nach dem dreimonatigen Aufenthalt am Zürcher Paradeplatz nach Basel an die Schifflände transportiert wird. Dort sollte sie bis Mitte Juli bleiben. Danach folgt die Station Aarau; geplant waren noch Zwischenhalte in St. Gallen und Zug.
Basel
Am Mittwoch, den sechsten Mai traf kurz nach elf Uhr aus Zürich kommend die Plastik Shoah an der Schifflände in Basel ein.
Die Basler Grossrätin Gisela Traub fragte die Regierung in einer Interpellation an, ob die Shoah nicht ihren plausiblen Platz in Basel finden könnte. In Gesprächen mit dem Künstler entstand die Idee einer Reise durch die Schweiz. Hedy Graber, Beauftragte für kulturelle Projekte im Basler Erziehungsdepartement, übernahm die Organisation.
Erste Station der Reise war Basel. Darüber zeigte sich Erziehungsdirektor Stefan Cornaz erfreut und stolz.
"Er wies auf die sinnhafte Bedeutung des Standortes Schifflände hin: nahe am Rhein, dem Grenzfluss, dem Fluss der Hoffnung für Flüchtlinge aus dem Dritten Reich, nahe beim Hotel Drei Könige, wo Theodor Herzel während des Ersten Zionistenkongresses wohnte. Und wie von Hutter gewünscht, stehe Shoah an einem vielbegangenen Ort. Die Plastik solle als Mahnmal dienen - und vielleicht auch eine Antwort auf die Frage geben, inwiefern Kunst als Mahnmal figurieren kann"(14)
Auch andere Gäste der Vernissage hofften, dass Shoah ein Anlass zum Gespräch werde. "Ich hoffe, dass viele Leute Gelegenheit finden, sich anrühren zu lassen"(15) sagte Giesela Traub. Peter Laitowitsch, langjähriges Vorstandsmitglied der Israelitischen Gemeinde Basel, sprach von einer "wichtigen Möglichkeit, sich mit der Aussage eines Schweizer Künstlers zur Holocaust-Thematik auseinander zu setzen." (16) Dennis Rhein, Vizedirektor von Basel Tourismus, "sprach von einem Mahnmal auch an die Generation, die dem wiederauflebenden Antisemitismus Paroli bieten müsse. Im Rahmen der täglichen stattfinden Stadtrundfahrten, soll auf die Plastik hingewiesen werden."(17)
Doch die Diskussion in Basel blieb aus. Die Shoah stand an der Schifflände und war dort nach dem Geschmack von Hutter verlocht. Der Raum für die Figur war zu eng, Auseinandersetzungen gab es keine.
Aarau
Darum war es gar nicht unglücklich, dass die Skulptur nach Aarau kam. Dort entfachte schon vor dem Eintreffen der Skulptur eine Diskussion, wie es Schang Hutter wünschte. Karin Ammann engagierte sich dafür, dass die Shoah nach Aarau kam. Zusätzlich gründete sie ein Shoah-Komitee, in welchem sich viele Leute von Aarau einschrieben.
Mit einem regierungsrätlichen Beschluss hatte der Kanton der Skulptur Gastrecht eingeräumt. Die Shoah sollte für drei Monate auf dem Aargauerplatz, zwischen Regierungs- und Kunsthaus, stehen.
Das passte den beiden pensionierten Max Engel aus Othmarsingen und Fred Rüfenacht aus Aarau gar nicht. Mit dem symbolischen Namen "Aktion Armbrust" und dem Pamphlet "Aarauer Manifest" machten Max Engel und Fred Rüfenacht gegen das Aufstellen der Eisenplastik Shoah mobil. Sie wollten den offiziellen Empfang um einen friedlichen Protest erweitern.
Im Rahmen der "Aktion Armbrust" sammelten Engel und Rüfenacht für ihr "Aarauer Manifest" Unterschriften. In ihm hiess es: "Das Aufstellen des Mahnmals sei eine "Provokation" und "einseitiges Schuldzuweisen" an die Schweiz. Der "landesweite Kult" um die Figur sei eher ein Versuch, dem Volk ein schlechtes Gewissen einzureden und weniger eine Mahnung an den Massen- und Völkermord".(18) Dazu verlangten Engel und Rüfenacht, dass die Ankläger, insbesondere der Jüdische Weltkongress, nach dem Beispiel der Schweiz eine internationale Kommission ins Leben rufen müsse, welche die Vergangenheit erforscht: "Mit derselben Verpflichtungen zur Wahrheitsfindung und Anerkennung der eigenen Versäumnisse wie die Schweiz."(19)
Die über 1250 Unterschriften wurden anfangs November den Botschaften der USA und Israels, sowie dem Jüdischen Weltkongress und dem Bundesrat zugestellt.
Max Engel berichtete gegenüber dem Tages Anzeiger, "Ihm wäre es am liebsten gewesen, das Mahnmal stünde in Berlin, wo der Holocaust geplant und durchgezogen wurde. Es stehe ausser Frage, dass der Holocaust ein grauenhaftes Verbrechen gewesen sei. Aber wir seien nicht daran Schuld. Die Schweiz führte keinen Vernichtungskrieg."(20)
Am zweiten August wurde der Empfang von rund 100 Befürwortern sowie einem Dutzend Gegner verfolgt. Landammann Ulrich Siegrist sagte in der Ansprache, "Die Schweiz brauche die Diskussion über die Vergangenheit. Dabei gehe es nicht um gegenseitige Schuldzuweisung, sondern um ein gemeinsames Mittragen der Verantwortung."(21)
Ablehnender Entscheid in Zug und St. Gallen
Während die Skulptur in Basel an der Schifflände stand, erwachte die Diskussion um die Shoah auch in Zug. Die SGA - Gemeinderätin Anita Stadler wollte die Skulptur nach den Standorten Aarau, Solothurn und wahrscheinlich auch St. Gallen, nach Zug holen. Die SGA-Gemeinderätin hat darüber mit Schang Hutter gesprochen - dieser zeigte sich begeistert. Da sie keinen privaten Platz für die Skulptur gefunden hatte, bat sie die Stadt Zug um einen öffentlichen Standort über die Monate November/Dezember oder Dezember/Januar hinaus. Der Finanzchef Christoph Luchsinger, mit welchem sie mündlich Kontakt hatte, trug das Anliegen Anita Stadler in den Stadtrat.
Schon vor der ersten Stadtratssitzung, stiess die Idee, die Shoah nach Zug zu holen, auf Widerstand. So hatte ein Zuger SVP-Mitglied in einem Leserbrief Werk und Künstler bereits in die linke Ecke gedrängt. Er wollte die Skulptur als Mahnmal für die Opfer des Kommunismus uminterpretieren. Trotz solcher Widerstände war Anita Stadler überzeugt, "dass diese Skulptur der Stadt Zug gut tue"(22).
Schon am 9. Juni an der nächsten Stadtratssitzung wurde das Anliegen Anita Stadler am Rande diskutiert. So sagte der Stadtpräsident Othmar Romer, "Der Stadtrat kam zu keinem Beschluss, aber zu folgendem Grundtenor: Die Shoah ist ein bedeutendes Kulturobjekt, das Anerkennung verdient. Der Stadtrat ist aber der Meinung, Zug sollte sich nicht am Kulturtourismus beteiligen. Konkret wende sich der Stadtrat gegen den Trend, Skulpturen hin- und herzuschieben. Die Shoah habe einen festen Standplatz, dort soll sie bleiben."(23)
Hier war der Stadtrat falsch informiert. Die Skulptur Shoah hatte noch keinen festen Standort. Schang Hutter, welcher den Entscheid des Zuger Stadtrates durch die Zeitung erfuhr, bezeichnete die Argumente des Stadtrates als lächerlich.:"Was ist Kultur? Das ist alles Kulturtourismus. Das ist das Theater. Da gehen sie aus der ganzen Schweiz nach Zürich ins Theater. Man muss hinreisen. Da gibt es Ausstellungen, wo alle hinreisen. Da gibt es Ausstellungen, die wandern. Da gibt es Leute, die in die Ferien fahren und Pisa anschauen, das ist alles Kulturtourismus. Das ist eine völlig lächerliche Begründung gewesen. Sie verleumden ihre eigentliche Auffassung. Ich bin überzeugt davon, in Zug ist es natürlich heiss. Zug ist eine international gefragte Briefkastenstadt. Dann gibt es dort eine Holocaust-Diskussion, was die Schweiz alles vernachlässigt hat, wo sie gelogen hat, wo sie beschissen hat und wo sie Raubgold angenommen hat und weiss der Teufel was sie alles gemacht hat. Nur hat sie dann die grosse Fähigkeit alles abzustreiten. Wenn so eine Diskussion nach Zug kommt, das ist ein internationaler Schaden. Das ist der Grund."(24)
Der Stadtpräsident Romer gab gegenüber der Neue Luzerner Zeitung zu, dass viele Argumente noch nicht zur Diskussion gestanden hätten. Und: Einen allfälligen schriftlichen Vorstoss von Anita Stadler würde der Stadtrat ernsthaft prüfen.
Anita Stadler gab sich enttäuscht, dass man ein Engagement für die Skulptur Shoah davon abhängig macht, ob die Anfrage schriftlich oder mündlich erfolgt.
Am 16. Juni 1998 deponierte die SGA-Gemeinderätin ihr schriftliches Gesuch beim Stadtrat, in dem sie die städtische Exekutive ersuchte, einen Standort für die Skulptur Shoah zur Verfügung zu stellen und die Transportkosten zu übernehmen.
Anfangs September lehnte der Stadtrat das Gesuch von Frau Stadler ab. Mit einem Brief, verfasst vom Stadtpräsidenten Othmar Romer, wurde die SGA-Gemeinderätin Anita Stadler über den Negativenentscheid benachrichtigt. Aus dem Brief ging hervor, dass die Stadt nicht bereit war, einen solchen Platz zur Verfügung zu stellen. "Wir möchten Sie vielmehr ermuntern, anstelle der Aufstellung einer Skulptur bei Vereinen abzuklären, ob allenfalls eine Dis-kussionsveranstaltung über das Thema Holocaust durchgeführt werden könne."(25)
Die SGA-Politiker waren über diese Antwort empört. Auch andere Politiker aus dem linken Lager planten auf den Brief aus dem Stadthaus zu reagieren. Nachdem sich der Stadtrat geweigert hatte, einen öffentlichen Platz für die Shoah zur Verfügung zu stellen, stach die SGA-Gemeinderätin Anita Stadler mit einer Interpellation nach.
Am 2. November 1998 wurde wieder über Frage Shoah im Zuger Stadtrat diskutiert. Der Entscheid des Stadtrates, die Shoah nach Zug zu holen, war wieder negativ. Drei Gemein-derätinnen kritisierten am darauf folgenden Tag den Entscheid des Stadtrates. Ihre flammenden Voten zeigten Wirkung. Der Stadtpräsident Othmar Romer kündete darauf an, das Thema an der nächsten Stadtratssitzung nochmals aufzunehmen. Doch der Antrag, die Shoah nach Zug zu holen, wurde an der darauf folgenden Sitzung abgelehnt. Schon vor der ablehnenden Antwort kündete der reformierte Pfarrer, Andreas Haas, der Stadt Zug an, er werde einen Platz für die Skulptur suchen, falls dies der Stadtrat nicht tue. Haas führte zwei Gründe für ein mögliches Engagement an: Erstens empfände er es als Skandal, wenn die Stadt Zug die Skulptur nicht nähme mit der Begründung, es fehle der Platz dafür. Zweitens wäre es eine Chance für die Kirche, sich mit dem Antisemitismus, an dem die Kirchen nicht unschuldig waren, auseinander zusetzen."(26)
Nach dem abschlägigen Entscheid des Stadtrates hatte der Pfarrkonvent der Evangelischreformierten Kirchgemeinden - das Gremium der zwölf im Kanton Zug tätigen Pfarrpersonen - einen Antrag an den Kirchenrat gestellt. Er sollte die Eisenplastik Shoah nach Zug holen und vor der reformierten Kirche in der Stadt Zug platzieren.
Am 17. November hatte der Kirchenrat den Antrag der reformierten Pfarrer und Pfarrerinnen abgelehnt.
Auch in St. Gallen gelangte die Shoah nicht an die Öffentlichkeit. Dort lehnte es der jüdische Verein ab.
Solothurn und Glarus
Im Rahmen eines Veranstaltungszyklus, unter dem Namen Totentanz, wurde die Shoah mit drei andern mächtigen Plastiken von Schang Hutter in der Hauptgasse von Solothurn ausge-stellt. Die Ausstellung dauerte vom 1. November, Allerheiligen, bis zum 22. November 98.
Ein Sprayer beschmierte die Jesuitenkirche, vor welcher die Shoah drei Wochen lang stand: "Hutter du Judenknecht." Sonstige grosse Reaktionen blieben aus.
In Glarus war auch eine Ausstellung der Anlass für die Präsenz von Shoah. Unter dem Namen Skulptura 99 wurden vom 19. Juni bis 6. August 1999 weiteren Skulpturen von Schang Hutter, sowie von Glarner Bildhauern in Glarus ausgestellt.
Das Interesse um die Skulptur Shoah nahm im Laufe der Zeit ab. Heute steht die viel umstrittene Plastik auf einer alten Eisenbahnschiene in Langenthal, auf dem südlichen Fabrikareal der Firma Lantal Textil, wo sich Schang Hutter eine permanente Ausstellung mit seinen Stahlfiguren aufgebaut hat.
Eine Skulptur, die mit der Geschichte, Geschichte macht
Schang Hutter platzierte seine Shoah bewusst in der Mittelachse, respektiv vor dem Haupteingang des Bundeshauses, um auf sein Thema Shoah und auf die jüngste Vergangenheit der Schweiz aufmerksam zu machen. Dies gelang ihm. Viele Personen fühlten sich durch die Provokation von Schang Hutter angesprochen. Sie gaben in der Öffentlichkeit ihre Meinung kund. Nicht alle waren über die Aktion von Schang Hutter erfreut. Viele wehrten sich vehement gegen das Aufstellen der Skulptur in verschiedenen Städten der Schweiz. Dabei kam Antisemitismus zum Vorschein. Schang Hutter erhielt nebst den positiven Reaktionen, auch negative, bis hin zu Morddrohungen. Die vielen negativen Reaktionen um das Aufstellen der Skulptur Shoah hoben zwei Dinge hervor; einerseits den Holocaust, der von einer grossen Bevölkerungsschicht ignoriert wurde und anderseits die Abneigung zur Modernen Kunst. Darum bezeichneten viele Leute, man-gels Zugang zur Modernen Kunst, die Plastik Shoah, als einen Rostklotz, Schrottklotz, Kassenschrank oder gar als Abfall. Kurzum, man umschrieb den Begriff "Entartete Kunst". Beim Suchen der Wurzeln des Begriffs "Entartete Kunst" stösst man auf die geschichtliche Epoche, auf welche Schang Hutter mit mahnendem Zeigefinger aufmerksam macht: Als Adolf Hitler im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, begann er sofort, die in seinen Reden und in programmatischen Abschnitten seines Buches "Mein Kampf" niederlegten Prinzipien seiner Politik auch in der Kunst rigoros durchzusetzen. Alles was sich den dogmatischen Programmpunkten der Nationalsozialitischen Deutschen Arbeiterpartei, NSDAP, nicht fügte, d.h. Kunst von Andersdenkenden und nicht arischen Künstlern, wurde nicht zugelassen. So emigrierten viele bedeutende Künstler des Dritten Reiches, die ihren Beruf in Deutschland nicht mehr ausüben konnten, ins Ausland. Einer von ihnen war Paul Klee. Er wurde 1933 an der Düsseldorfer Akademie, wo er als Professor lehrte, seines Amtes enthoben und seine Werke wurden beschlagnahmt. Paul Klee musste Deutschland verlassen und emigrierte in die Schweiz. Hitler attackierte bei der Machtübernahme bewusst sofort die Kunst, weil sie aufklärerischen Charakter hat und somit die Herrschaft der Nationalsozialitischen Deutschen Arbeiterpartei gestört hätte. Auch die Shoah wurde angegriffen, weil sie aufklärte. Die Geschichte um sie gab zu erkennen, wie ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung die düstere Vergangenheit ihres Landes während des Zweiten Weltkrieges nicht wahrhaben wollte.
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